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"Systemsprenger" - wenn Kinder, Jugendliche, Erziehungshilfe, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Schule aneinander scheitern (26.03.2019)
Landkreis Lüchow-Dannenberg (LK 45/2019)

In den Institutionen von Schule, Kita und Jugendhilfe werden immer mehr Kinder und Jugendliche als schwierig und nicht mehr haltbar in den Systemen wahrgenommen. Folgen sind Ausschlüsse aus dem Schulalltag für Stunden, Tage und Monate - auch in den Grundschulen und mittlerweile sogar in Kindertagesstätten. Kinder, die von den Bildungssystemen ausgeschlossen werden, verlieren nicht nur den Anschluss an den Lernstoff, sondern erleben auch, dass sie nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft sind. Was passiert da eigentlich in unserer Gesellschaft und wie können wir dem begegnen? Diese und weitere Fragestellungen wurde bei einem Fachtag "Systemsprenger" mit über einhundert beteiligten Fachkräften u.a. der öffentlichen und freien Jugendhilfe, der Schulen, des Familiengerichts, der Therapie sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie erörtert. Eingeladen hatte der Landkreis in die Räumlichkeiten der Heilpädagogischen Wohngruppen Penkefitz in Dannenberg.

In seinem Einführungsvortrag hat Prof. Dr. Menno Baumann den Schwerpunkt der Zielrichtung darauf gelegt, dass die Fachkräfte wieder handlungsfähig werden. Er beschreibt die Prinzipien des "Durchreichens" der Kinder durch die Systeme, der Nicht-Zuständigkeitserklärung und eines sogenanntes "institutionelles Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom". Konsequenzen sind die Parallelität, ein Nacheinander oder ein Gegeneinander der Hilfesysteme. Prof. Menno Baumann ist gelernter Förderschullehrer, arbeitet in der freien Jugendhilfe und lehrt im Rahmen einer Professur für Intensivpädagogik. Provokant stellt er die These auf, dass "Systemsprenger" nur dann ein böser Begriff ist, wenn man das System für gut hält. Mit einem Blick auf seriöse Studien werden tatsächlich nicht mehr Kinder immer schwieriger. Der Anstieg kinder- und jugendpsychiatrischer Diagnosen sei u.a. damit zu erklären, dass oft eine Diagnose gestellt werden muss, um Hilfe leisten und finanzieren zu können. Auch lässt sich nicht nachweisen, dass die Kinder immer schwieriger werden. Die Gewalt unter Jugendlichen ist seit 1994 stetig rückläufig trotz höherer Anzeigenbereitschaft. Lediglich bei 5 - 8 % der Jugendlichen ist Jugendhilfe nicht effektiv, aber diese Fälle seien im Bewusstsein der Menschen extrem präsent.

Inklusion bedeute "die bedingungslose Teilhabe eines jeden Menschen an allen gesellschaftlichen Kernprozessen". In Wirklichkeit ginge es jedoch meistens darum, das Kind, den Jugendlichen "anders" zu machen mit dem Blick, "Störungen" zu beseitigen. Hier appelliert Prof. Dr. Baumann, die Verhaltensweisen, das als schwierig wahrgenommene Verhalten immer im Zusammenhang mit den Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen zu sehen. Man kann das Verhalten der Kinder und Jugendlichen nur beurteilen, wenn man weiß, wie sie die Welt wahrnehmen. Wer Erfahrungen gemacht hat, dass Erwachsene unberechenbar sind oder dass es keine Antwort auf Gefühle gibt, reagiert anders. Systeme zu sprengen ist für Prof. Baumann keine Diagnose, sondern ein Interaktionsprozess und für die Betreffenden oft die einzige Möglichkeit, die eigene bedrohte Identität zu schützen und selbst zu bestimmen, wann das Unausweichliche passiert. Er fragt, was wir Kindern manchmal antun, um sie vermeintlich zu fördern und was wir ihnen nehmen, wenn wir andere Prioritäten setzen.

Regeln sind ein wichtiger Bestandteil für funktionierende Gemeinschaften. Eine Grundbedingung für das Gelingen in der Umsetzung sei aber, dass es sich um Regeln handeln, die für die Einzelnen auch tatsächlich erreichbar sind.

Für die Kooperation unter allen Beteiligten ist für Prof. Baumann die Basis, dass man eine "gemeinsame Sprache" spricht und verweist dabei auf den biblischen Turmbau zu Babel. Wesentliche Elemente für eine erfolgreiche Pädagogik bei schwierigen Alltagssituationen sind für ihn Ansätze zur Bewältigung wechselseitiger Verstehensprozesse und Verstehensprobleme der Beteiligten.

In einem praktischen Arbeitsteil erfolgte ein intensiver Austausch in wechselnden kleinen Gruppen über Erfahrungen und Sichtweisen aus den jeweiligen Bereichen Jugendhilfe, Schule, Therapie und Psychiatrie. In der abschließenden Zusammenfassung wurden etablierte Modellprojekte aus anderen Regionen vorgestellt und überlegt, wie man den begonnenen Weg fortführen kann. " Zum Ende der Veranstaltung gab es mehrfach die Frage, wann es denn eine Fortsetzung dieses Fachtages gibt" freut sich Dagmar Schulz, Leitung des Fachdienstes Jugend, Familie, Bildung des Landkreises als Verantwortliche der Organisation. Sie sieht in dieser gelungenen Veranstaltung einen weiteren Baustein der integrierten Sozialplanung mit fachübergreifenden Fortbildungen. Ziel sei die gegenseitige Informationen und auch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen und Rahmenbedingungen, um mit einem gemeinsamen Verständnis Handlungsfähigkeit und Verbesserungen im Alltag zu erreichen.

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